Ordnung, Abgrenzung und Bestimmung von Farbtönungen
Wer schon einmal vor einem der übergroßen, mitunter 3 x 6 m großen Bilder des amerikanischen Farbfeld-Malers Barnett Newmann aus der Serie „Who´s afraid of red, yellow and blue?“ gestanden hat und sich der fast erschlagenden Wirkung der rein und flächig aufgetragenen Farben rot, gelb und blau (jede Farbe in einem unterschiedlich großen Feld bzw. Streifen) ausgesetzt hat, weiß, welch eine extreme und intensive Wirkung Farbe haben kann.

Ganz so existenziell und überwältigend geht es in der Regel bei einem der Spezialisierungsschwerpunkte in der Philatelie, den Farbtönungen, zwar nicht zu. Aber man muss sich angesichts einer mitunter hitzig ausgetragenen Diskussion doch wundern, welche Reaktionen das Thema Farben hervorrufen kann.

Wenn man die Geschichte der Philatelie betrachtet und hier insbesondere die Entwicklung der Farbdifferenzierungen, so ist festzustellen, dass sich die Sammler zu allen Zeiten von der Faszination der vorkommenden Farbtönungen, deren Unterschiede je nach Herstellungsumständen (Krieg, Inflation etc.) zum Teil erhebliche Ausmaße annehmen können, haben erfassen lassen. Ein jeder Sammler erkennt diese Farbdifferenzen und versucht sie mehr oder minder spezialisiert zu belegen, ein forschender Sammler versucht diese darüber hinaus auch zu erklären und damit eine für ihn oft unbekannte, bereits historische Zeit zu verstehen.

Farbatlanten und Farbkomparator
Wie aber wird man der bei vielen Ausgaben vorkommenden scheinbar endlosen Menge an Tönungen Herr? Wie findet man mittels eines einheitlichen Systems eine begriffliche Ordnung, einen Orientierungspunkt für das eigene Sammeln? Zu diesem Zweck wurden bereits in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts Farbtafeln verkauft, die zur Darstellung der verschiedenen Farbtönungen mit Originalmarken bestückt waren. Mit der extrem schnell fortschreitenden Entwicklung der Farbenproduktion während dieser Zeit konnten bereits um die Jahrhundertwende - meist auf der Grundlage des Ostwald´schen Farbenkreises - schon regelrechte Farbatlanten entwickelt und gedruckt werden (Abb. 1: Einer der ersten großen Farbenführer, die „Germania-Farbtafeln für Postwertzeichen-Sammler“, wurde von der Fa. Senf, Leipzig vertrieben). Sie sollten eine Übersicht über die Farbenvielfalt sowie deren Zusammensetzungen geben und den systematischen Aufbau einer einheitlichen Nomenklatura ermöglichen. Mit der beginnenden Unterscheidung von Farbtönungen in den Katalogen - so zum Beispiel schon vor der Jahrhundertwende in den „Illustrierten Postwertzeichen-Katalogen“ der Fa. Senf - wurden diese ersten Farbenführer auch für die Farbbestimmung eingesetzt. Weil solche Bestimmungen aber noch von kaum einem Prüfer durchgeführt wurden, musste jeder Sammler seine Farbtönungen - mehr oder weniger genau - selbst bestimmen. Einen ersten Höhepunkt in diesen Bemühungen stellte der in den 30er-Jahren für die Philatelie entdeckte, so genannte Farbkomparator dar - mit dessen Vorstellung in „Das Postwertzeichen“ (Nr. 8, S. 68 ff., vom 1.9.1933) eine rhetorische, in ihrer Aktualität aber fast prophetische Frage aufgeworfen wurde: „Das Farbenproblem in der Philatelie - gelöst?“ (Abb. 2: Mit dem so genannten Farbkomparator wurde mittels eines optischen Verfahrens ein kreisrunder Ausschnitt einer Originalmarke in ein Farb-Vergleichsfeld geschoben - mit Hilfe einer ausgeklügelten Auf- und Abblendtechnik sollten bis zu 17.280 Farbtönungen auch hinsichtlich ihres Weiß- & Schwarzgehaltes bestimmt und ausgemessen werden können.)

Zu dieser frühen Zeit wurden die einzelnen Gebiete hinsichtlich der Farbtönungen nicht derart spezialisiert unterteilt wie dies mitunter heute der Fall ist. In einer Zeit, in der es noch sehr viele „General-Sammler“ gab, man also „alle Welt“ oder zumindest Länder mit allen Nebengebieten komplett sammelte, war dies auch noch nicht so interessant. Mit der zunehmenden „Produktion“ von Briefmarken (man denke an die gigantischen Mengen der osteuropäischen Staaten während des Kalten Krieges) wurde ein solches Unterfangen aber selbst für Sammler mit großem Geldbeutel immer illusorischer. Die ehemaligen Ländersammlungen zerfielen im Lauf der Zeit zunehmend in Sammlungen einzelner, historisch abgesteckter Teilgebiete. Das Interesse fokussierte sich immer mehr auf kleinere Abschnitte, oft auf einzelne Briefmarken-Ausgaben. Diese allerdings wurden nun in all ihren Aspekten (Farbtönungen, Druckperioden, -platten, Plattenfehler, Portostufen etc.) in jeder nur erdenklichen „Tiefe“ gesammelt.

Ein wesentlicher Aspekt dieser Entwicklung war, dass viele Gebiete/Ausgaben lange Zeit kaum genauer „unter die Lupe“ genommen wurden, so bis in die Nachkriegszeit die Gebiete DR 31 - 0 und 52 - 97, bis in die 80er-Jahren das Gebiet AM-Post, bis in die 90er-Jahre das Gebiet DDR und bis vor kurzem das Gebiet der Kontrollrats-Ausgaben. Diese ehemals „kleinen“ und „Nebenher“-Gebiete waren in früherer Zeit in der Masse am Markt relativ günstig zu bekommen, man konnte diese Gebiete ohne großen finanziellen Einsatz sammeln, erforschen oder damit einfach nur „spielen“.

Neue Farben, neue Werte
Dies änderte sich allerdings sehr schnell mit einer umfassenden katalogmäßigen Bearbeitung aufgrund einer vorhergehenden, intensiven und oft jahrelangen Erforschung durch einige wenige Spezialisten. Mit einem Mal konnte man neben anderen Unterschieden auch die der Farbtönungen benennen, mengenmäßig quantifizieren und mit Hilfe eines Systems bestimmen. In diesem Moment änderte sich die Situation grundlegend, das Gebiet verlor seine „Unschuld“. Aufgrund einer mehr oder weniger gesicherten neuen Katalogisierung erregte es die Aufmerksamkeit anderer Sammler, deren „Jagdtrieb“ sich nun voll entfalten konnte. Mit diesem katalogisierten Gebiet konnten nun Albenhersteller neue Seiten drucken, Prüfer neue Typen/Farben bestimmen und Händler neue Lager anlegen bzw. die alten auswerten. ABER - dies soll nicht vergessen werden - auch die Sammler besaßen nun neue Werte: Neben bisher in den Sammlungen unentdeckten Spezialitäten stiegen durch die allgemeine Nachfrage auch die Standardwerte der jeweiligen Gebiete.

Soweit der kurze Ausflug in die Entwicklung einiger Sammelgebiete, deren fortschreitende Spezialisierung sich eben auch der Faszination verdankt, die von unterschiedlichen Farbtönungen ausgeht.

Wie aber muss man sich begrifflich und systematisch einem Gebiet mit vielen unterschiedlichen Farbtönungen nähern, ohne es gleich mit der „Angst“ zu bekommen? Wenn man sich eine möglichst große Menge an Exemplaren einer bestimmten MICHEL-Hauptnummer beschafft - als ein zugegebenermaßen krasses Beispiel sei die MICHEL Nr. 47 des Deutschen Reiches genannt - wird man sofort eine Vielzahl unterschiedlich aussehender Marken entdecken. Je größer die Menge an Marken, umso umfangreicher erscheint die Bandbreite an Farbtönungen.

„Farben-Topf“ und Farbgruppen
Aus einem solchen großen Bestand lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres ableiten, dass auch alle katalogmäßig erfassten Farbtönungen enthalten sind. Im Gegenteil, wenn man im vorliegenden Fall beispielsweise mehrere 100er-Bündel aus den Jahren 1895-98 erwischt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich je nur um die d-Farbe handelt, sehr groß - trotz aller Nuancen. DENN - und dies ist eines der am weitesten verbreiteten Missverständnisse - jede Farbtönung hat eine gewisse Bandbreite an Nuancen! Je billiger eine Katalognummer, umso größer ist in der Regel der Pool, in dem Tönungen, die meist nicht eigenständig abgrenzbar sind, zusammengefasst werden. Ein solcher „Farben-Topf“ kommt oft aber auch noch bei mittlerem Material (z.B. MICHEL Nr. 47 db oder ea), unter Umständen sogar bei durchaus seltenen Farben vor. Je seltener jedoch eine Farbtönung, desto geringer sind die vorkommenden Schwankungen. Dieser „Farben-Topf“ kann zu einem äußerst verwirrenden Eindruck führen: Der Unterschied zwischen einem grenzwertigen Farbton („noch a“) und einem besseren Farbton (b) ist oft erheblich geringer als Unterschiede innerhalb des Farbpools der billigen a!! Wenn man sich aber ein grundlegendes philatelistisches Ordnungsprinzip vergegenwärtigt, kann dieses Paradoxon aufgelöst werden: „Farbtönungsunterschiede (katalogisierte Unterarten, die im philatelistischen Sprachgebrauch mit dem Kurzbegriff „Farben“ bezeichnet werden) sind meist in Farbgruppen zusammengefasste signifikante Unterschiede der gleichen Hauptfarbe (z.B. grün: gelbgrün, blaugrün), die visuell (u.U. nur unter UV-Licht) aber getrennt werden können.“ (Prüfstandards des BPP)

Während man also den Unterschied zwischen typischen, klar ausgeprägten Farbtönungen (a, b und c) insbesondere dann, wenn nur je ein Belegstück vorliegt, eindeutig erkennen kann, so ist eine Unterscheidung im Grenzbereich, vor allem dann, wenn kein (geordnetes) Vergleichsmaterial vorliegt, für den Sammler oft schwierig.

Neben dieser grundlegenden Vorgabe müssen in aller Regel nun noch weitere, allerdings je gebietsspezifisch gesetzte Bedingungen berücksichtigt werden. Es handelt sich hier in aller Regel um PHILATELISTISCHE Festlegungen, die sich meist aus der Herstellungssituation ergeben. Dies kann bedeuten, dass sich zwar objektive Farbeigenschaften (Farbton, Farbsättigung und Farbhelligkeit) mittels aufwändiger, naturwissenschaftlicher (physikalischer oder chemischer) Methoden messen lassen, mitunter aber andere Kriterien gesetzt sind bzw. eine andere Ausgangssituation berücksichtigt werden muss. So lässt sich manch ein Farbtönungsunterschied auf eine mechanische Ursache zurückführen - bei Altdeutschland zum Beispiel auf eine abweichende Einfärbung der Druckmaschine  (u.a. Baden MICHEL Nr. 13 und 17, Bayern MICHEL Nr. 1), bei DR MICHEL Nr. 319 auf eine falsche Justierung des Farbkastens. Aber auch in den Fällen, in denen die Farbtönungsunterschiede auf abweichenden Mischungen der Druckfarbe basieren, sind oft noch andere Kriterien zu berücksichtigen.

Sekundäre Kriterien bei der Farbbestimmung
Im Falle der Krone/Adler-Ausgabe beispielsweise wurde die Reichsdruckerei von verschiedenen Farben-Herstellern beliefert, die aufgrund der damaligen Forschungs-/Produktionssituation (Stichwort: künstliche Farben!) jeden Tag etliche neue Farbmischungen herstellen konnten und diese der Reichsdruckerei zu Testzwecken zur Verfügung stellten. Diese Herstellungssituation kann nun umgesetzt werden in weitere Kennzeichen (Sekundär-Merkmale), die maßgeblich bei der Farbbestimmung zu beachten sind - so zeichnen sich etliche Farbtönungen durch ganz charakteristische Farbaufträge aus, anhand derer eine Bestimmung fast ohne weitere Berücksichtigung der eigentlichen Farbtönung erfolgen kann. Bei der genannten Ausgabe Krone/Adler bedeutet dies zum Beispiel für die MICHEL Nr. 46 ba ein sehr „cremiger“, glatt aufliegender, für die MICHEL Nr. 48 ba ein typisch „löchriger“ Farbauftrag. Aber auch bei Altdeutschland oder Alteuropa lassen sich mit Hilfe solch sekundärer Druckmerkmale etliche Farbtönungen genau bestimmen. Aus dem Wissen um die Bedingungen, unter denen die jeweiligen Farben hergestellt wurden (zum Beispiel aus Mineralien, Pflanzen oder künstlichen Vorprodukten), ergeben sich für jedes „Farb-System“ wichtige Ordnungsprinzipien, auf deren Grundlage viele der Abgrenzungskriterien entwickelt wurden.

Für die Bestimmung der Farbtönungsunterschiede sind aber unter Umständen noch andere Herstellungsbedingungen zu beachten - dazu zählen zum Beispiel Lieferengpässe bei Notzeiten, Verwendung bestimmter Druckmaschinen(typen), technische Verbesserungen an Zähnungsapparaturen, Lieferung abweichender Papiersorten. Aus all diesen Umständen lassen sich weitere (sekundäre) Merkmale - je nach Gebiet und Michel-Nr. in unterschiedlicher Ausprägung - wie zum Beispiel Zähnung, Papierstruktur, UV-Reaktion, Verwendungsort oder Hauptverwendungszeit ableiten. Diese Kennzeichen lassen sich allerdings nicht aus einer beliebig großen Markenmenge „herauslesen“, da die Herstellungsumstände, die zu ihrer Formulierung geführt haben, oft erst durch eine Mischung aus alter Literatur, jahrelanger Forschung und umfangreichen Archivsichtungen erschlossen werden konnten.

Jeder interessierte Leser wird erkennen können, dass es - wie im übrigen bei jedem Sammelgebiet - eigentlich unmöglich ist, nur anhand einer vorgegebenen MICHEL-Katalogisierung das dahinter stehende komplexe, philatelistische System der Abgrenzungen zu erkennen. Jeder, der sich nicht speziell (und intensiv) mit dem jeweiligen Gebiet und dessen Systematik beschäftigt, wird zugegebenermaßen verzweifeln. Diese Ausgangssituation betrifft aber nicht nur die Farben: Auch bei den Sammelschwerpunkten Portostufen, Druckplatten, Stempel etc. wird man ohne ein fundiertes Hintergrundwissen kaum tiefer in die Materie eindringen können.

Erste Hilfe: Farbenführer
Um dem Sammler eine ungefähre Vorstellung von den selteneren Farben zu vermitteln, sind - wie oben bereits angesprochen - schon sehr früh Hilfen entwickelt worden. Die heute am weitesten verbreitete dürfte sicherlich der so genannte MICHEL-Farbenführer des Schwaneberger Verlags sein. über die zusammengesetzten, oft unbeholfen wirkenden Bezeichnungen mag man lachen oder sich ärgern, nur sollte man versuchen, objektiv zu urteilen. Diese zusammengesetzten Farbnamen sind sicherlich nicht besonders assoziationsfähig, aber andererseits wird auch der Verfechter einer einfachen Namensgebung die Farbe „maigrün“ kaum konkret beschreiben können. Auch die Assoziation bei „schokoladenbraun“ dürfte - je nachdem, ob man Milch- oder Bitterschokolade bevorzugt - unterschiedlich ausfallen. Die MICHEL-Bezeichnungen ergeben sich einfach aus einem systematischen Aufbau, da es gar nicht so viele unterschiedliche, halbwegs geläufige Farbnamen gibt wie Farbfelder abgedruckt werden - zudem dienen die Präfixe hell-, lebhaft-, mittel- etc. nur zur Bezeichnung der Farbsättigung („Sättigungs- bzw. Helligkeitsgrad“). Unter dem Doppelnamen „gelblichorange“ kann man sich durchaus etwas vorstellen: ein Orange mit geringem Gelbanteil. Der große Vorteil des MICHEL-Farbenführers ist jedoch, dass hier ein objektiver Bezugspunkt vorliegt, mit dem - bei korrekter Handhabung! - der interessierte Sammler durchaus eine Vorstellung von einer Farbe bekommen kann. Jede weitergehende Bestimmung kann aber nur anhand von originalem Vergleichsmaterial erfolgen - denn jedem sollte klar sein, dass Farbdrucke auf Kunstdruckpapier nicht mit den alten (Hoch- oder Tiefdruck-)Farben auf den entsprechenden Papieren verglichen werden können.

Mit dieser Feststellung wäre ein weiteres, häufiges Missverständnis beschrieben, nämlich die Annahme, dass die Farbbezeichnungen im MICHEL genau die Originalfarben erfassen bzw. wiedergeben. Für etliche Gebiete kommen oft nur einzelne Farbfelder bzw. -reihen in Frage, für weitere Nuancen - zum Beispiel bei der Germania - fehlen jedoch bereits die Zwischentöne. Der Farbenführer kann nur eine erste, grobe, im wesentlichen systematische Hilfe bei der Farbbestimmung sein, denn jede Farbbezeichnung kann nur auf die innerhalb eines „Farben-Topf“ am häufigsten vorkommende Gruppe der jeweiligen Farbtönung zutreffen. Es dürfte überflüssig sein zu ergänzen, dass eine Farbbestimmung nur mit Hilfe der Farbbezeichnungen im MICHEL - die man assoziativ zu evozieren und auf das eigene Vergleichsmaterial zu übertragen versucht - sogar gänzlich zum Scheitern verurteilt ist.

Für eine korrekte Farbbestimmung ist also nicht nur ein umfangreicher Bestand an Originalmarken, sondern immer auch die Kenntnis der Systematik mit deren je unterschiedlich gewichteten Sekundär-Kennzeichen, nach der die Farbtönungen getrennt werden, von großer Wichtigkeit. Dass die letztgenannten Kennzeichen nicht immer in der öffentlichkeit publik gemacht worden sind, mag ein Versäumnis gewesen sein, das die Vorstellung von „Geheimniskrämerei“ der Spezialisten gefördert hat. Hier wurde aber gerade in den letzten Jahren durch Veröffentlichungen zunehmend Abhilfe geschaffen.

Es sind bei der Farbbestimmung aber noch weitere Punkte zu beachten. Eine wichtige Voraussetzung ist ein optimales „physikalisches“ Umfeld. „Die Farbwahrnehmung ist ein psychischer Prozess, der u.a. von der Art und Stärke der Beleuchtung, vom Umfeld, von der Raumbeziehung und vom Zustand des menschlichen Sehapparates abhängt.“ (Prüfstandards des BPP) Wenn auch nicht die subjektive Farbwahrnehmung standardisiert werden kann, so müssen doch die Einflüsse durch die Umgebung bei der Farbwahrnehmung möglichst minimiert werden. Darüber wurde bereits in einem Artikel von Rolf Tworek und Dr. Helmut Oechsner berichtet („philatelie“ Nr. 351).

Wenn man die dort gemachten Vorgaben berücksichtigt, ist man bereits einen großen Schritt weiter. Damit dürfte auch klar sein, dass Bestimmungen auf Messen unter völlig anderen Lichtbedingungen unmöglich, sogar wirklich „Hokuspokus“ sind, auch wenn viele Sammler - völlig zu unrecht - der Meinung sind, der „Prüfer muss das doch sehen“! Im Gegenteil: Eine ungefähre Vorstellung von einer Farbe ist nur ansatzweise im Gedächtnis abrufbar, sie bleibt jedoch viel zu ungenau und kann sich schon gar nicht den wechselnden äußeren Bedingungen anpassen.

Im Gegensatz zum räumlichen Umfeld ist für die Farbbestimmung der Aufbau des Vergleichsmaterials nur von untergeordneter Bedeutung - bis auf die Tatsache, dass es umfangreich, umfangreich und umfangreich sein muss. Je nach Gebiet und Sortierung der Farbgruppen kann dies mitunter mehrere Albenseiten füllen. (Abb. 3: Eine Albenseite der MICHEL Nr. DR 87 I mit ausschließlich grenzwertigen Farbtönungen, die über Jahre zusammen getragen wurden.)

„Farb-Systeme“
Wie aber entwickelt sich ein solches System von Farbgruppen, mit dessen Hilfe letztlich Farbtönungen bestimmt werden? Ein wichtiger Bezugspunkt ist das schon weiter oben erwähnte geschichtliche Umfeld, in dem die Marken hergestellt wurden und welches mehr oder weniger stark in die Systematik der Abgrenzungskriterien einfließt, denn es dürfte verständlich sein, dass die Farbgruppen einzelner Germania-Werte aufgrund einer fast 15 Jahre andauernden Druckperiode anders aufgebaut sind als die von Inflationsmarken, die mitunter nur einige Wochen gedruckt wurden. Ein anderer Bezugspunkt ist die historisch gewachsene Bearbeitung des jeweiligen Gebietes durch Sammler und Forscher, welche indirekt mit dem ebenfalls schon beschriebenen allgemeinen Sammelverhalten korrespondiert. Hinsichtlich der Art und Weise der Bearbeitung ist dabei zwischen „alten“ und „neuen“ Gebieten zu unterscheiden. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Systeme der „alten“ Gebiete (z.B. Krone/Adler, Germania, Infla etc.) durch verschiedene Bearbeiter aufgebaut wurden. Die ersten Abgrenzungen wurden, abgesehen von der schon früh einsetzenden Benutzung der UV-Lampe, dabei durch rein visuelle Trennung aufgebaut und in einem fortlaufenden Wechsel mit der Erforschung der Herstellungsumstände in Beziehung gebracht - sie entstanden also auf empirischer Grundlage. Die Systeme der „neuen“ Gebiete (SBZ, DDR, Alliierter Kontrollrat) wurden dagegen mit Hilfe eines technischen Verfahrens aufgebaut.

Die Entstehung eines Systems eines „alten“ Gebietes lässt sich exemplarisch an der Bearbeitung der MICHEL Nr. 31 - 50 des Deutschen Reiches durch den großen Mentor der Infla-Philatelie, Herrn Gotwin Zenker, darstellen. Herr Zenker hat in den 60er-Jahren den Mut gehabt, sich mit den Farbtönungen (nicht nur !) dieses Gebietes intensiv zu beschäftigen, sie in einem System zu ordnen und diese auch zu prüfen - denn systematische Farbprüfungen im heutigen Sinne hat es vor dieser Zeit kaum gegeben! Trotz Unterlagen von älteren Prüfern, einer umfassenden Vergleichssammlung, jahrelanger Beschäftigung und einer intensiven Zusammenarbeit mit bekannten Spezialsammlern ist es aber verständlich, dass ein Einzelner nicht derart viele Tönungen zusammentragen kann wie - um eine Zahl zu nennen - 2.000 Sammler, die sich nach erfolgter Katalogisierung nun intensiv mit dem Gebiet beschäftigen. Somit mussten Töne - und dies gilt noch für heutige Prüfer -, die bisher noch nicht vorgelegen haben, immer wieder in ein vorhandenes System eingepasst werden, was zwangsläufig zu geringen Verschiebungen führen kann. Es ist verständlich, dass sich ein solch „gewachsenes“ System, dass von Einzelnen aufgebaut wurde, bei fortschreitender Verfeinerung/Überarbeitung zu einem gewissen Prozentsatz immer auch verändert.

Ausmessung mittels Spektrometrie
Die Entstehung eines Systems eines „neuen“ Gebietes erfolgt über die Zusammenlegung mehrerer umfangreicher Spezialsammlungen und die zentral durchgeführte technische Ausmessung großer Mengen unterschiedlicher Farbtönungen mittels der so genannten Spektrometrie. Aufgrund der umfangreichen, extrem zeitaufwändigen Messungen konnte ein System von abweichenden Farbtönungen nachgewiesen werden. Im Laufe dieses Verfahren, das in einer der nächsten „philatelie“-Ausgaben von Herrn Bernhöft ausführlich behandelt wird, wurden jedoch auch Farbtönungen ausgemessen, die mit dem menschlichen Auge nicht mehr als unterschiedliche Tönungen wahrgenommen werden konnten. Da jedoch bei allen Farbabgrenzungen die Regel gilt, dass nur der visuell wahrnehmbare Unterschied von Bedeutung ist - was hätte eine nicht sichtbare Farbtönung auch für einen Sinn? - wurden derartige Tönungen dem nächstliegenden „Farben-Topf“ zugeschlagen. Dies Verfahren empfiehlt sich vor allem bei noch unbearbeiteten Gebieten, um hier VOR der Katalogisierung mit technischer Hilfe ein System aufzubauen.

Neben die „ältere“ tritt damit eine „neue“ auf naturwissenschaftlichen Prinzipien beruhende Methode. Sie kann, das sei nochmals angedeutet, aufgrund ihrer sehr komplexen technischen Handhabung allerdings nur zum systematischen Aufbau eines Systems eingesetzt werden. Die eigentliche Farbbestimmung dagegen erfolgt wiederum „herkömmlich“, also im wesentlichen durch Augenschein. Dennoch entspricht diese Entwicklung dem allgemeinen Zug der Zeit: Der „Faktor Mensch“ - in diesem Fall die subjektive Farbwahrnehmung - soll durch einen technischen Apparat ersetzt werden! Eine Vorstellung, die nicht erst von unserer Zeit erfunden wurde und die in der Tat einen bestechenden Charme besitzt (vgl. den weiter oben beschriebenen „Farb-Komparator“).

Gibt es ihn aber wirklich: Den Zauberkasten, in den man eine Marke legt und der MICHEL-konform die richtige Farbtönung nennt - unter Berücksichtigung der philatelistischen Festlegungen? Und zu einem Spottpreis natürlich! Es wäre - auch aus Prüfersicht - gar zu schön! Ein solcher Apparat, der einerseits der Differenzierungsfähigkeit des menschlichen Auges gleichkommt und andererseits bezahlbar ist - wer möchte für die Bestimmung einer billigen Farbe schon etliche Euro bezahlen -, dürfte aber noch für längere Zeit eine Wunschvorstellung bleiben.

Trotzdem werden verschiedene Methoden diskutiert. Eine Methode, die Durchlicht-Mikroskopie, ist schon in den verschiedensten Periodika vorgestellt worden (u.a. „philatelie“ 276, Dezember 1999). Sie kann die Mikro-Strukturen verschiedener Farbtönungen bei bis zu 1.000facher Vergrößerung untersuchen. Es lassen sich mit ihr charakteristische (Farb-)Strukturen sowie deren besondere Mischungsverhältnisse anhand ihrer Pigment-Verteilung feststellen. Allerdings ist diese Methode nur sehr begrenzt, das heißt nur für sehr kleine Markenauflagen einsetzbar. Trotzdem sie bei der Echtheitsbestimmung von Stempeln oder Aufdrucken beachtenswerte Ergebnisse liefert, ist sie aber kaum in der Lage, ein umfangreicheres System von Abgrenzungen - wie zum Beispiel für die Germania-Farben - zu erarbeiten. Lediglich die Spektrometrie ist als Methode, ein „Farb-System“ aufzubauen, zurzeit ernst zu nehmen: Sie kann, dass sei nochmals erwähnt, allerdings nur zur systematischen Erforschung einer Ausgabe bzw. zum Aufbau eines entsprechenden Systems eingesetzt werden.

Abgrenzungsproblematik
Jeder Sammler, der sich einmal intensiver mit den Farbtönungen beschäftigt hat, dürfte sich im Grunde über die Abgrenzungsproblematik bei visueller Trennung bewusst sein. Auch jeder Prüfer, der Farbtönungen bestimmt, wird zugeben, dass es bei den Abgrenzungen im Überlappungsbereich eine Grauzone gibt, innerhalb derer es zu unterschiedlichen Bestimmungen kommen kann - diese eigentlich altbekannte Tatsache ist konsequenterweise auch in den Prüfstandards des BPP berücksichtigt worden: „Im Grenzbereich der Farbtönungsunterschiede sind geringe Abweichungen unter den Prüfern und auch beim gleichen Prüfer bei zeitlich auseinander liegender Beurteilung nicht vollständig auszuschließen. Eine objektive Nachprüfung im Farbtönungsgrenzbereich ist deshalb nicht möglich. Abweichende Prüfergebnisse im Farbtönungsgrenzbereich begründen daher keinen Grund zu Beanstandungen.“

Neben dieser „individuellen“ Grauzone gibt es aber auch konkrete Vorkommnisse, die zu einer Verschiebung im Grenzbereich oder einer Überarbeitung der Abgrenzung führen können. So ist nicht auszuschließen, dass durch den Einsatz weiterer technischer Hilfsmittel (z.B. IR-Licht, Durchlicht-Mikroskopie) neue Erkenntnisse gewonnen werden. Ebenso ist denkbar, dass sich herausstellt, dass bestimmte Farben durch eine „Bearbeitung“, sprich Verfälschung (mittels Wasser, Chemikalien, Hitzeeinwirkung etc.) ausgesprochen gut imitiert werden können. Wolfgang Straub beschreibt diese Situation sehr genau: „Möglicherweise würde man sich heute für eine andere Zusammenfassung von Farbgruppen, für andere Farbunterscheidungen oder auch in bestimmten Fällen für die Nichtkatalogisierung von Farbtönungsunterschieden entscheiden.“ („philatelie“ Nr. 349, S. 40) Auf der anderen Seite gilt - aus gutem Grund - aber auch der Status quo: In den schon zitierten Prüfstandards ist festgelegt, dass „die Grenzen der Farbgruppen, die einmal festgelegt wurden, (...) nicht verändert werden (dürfen). Innerhalb dieser Farbgruppen ist eine spätere, weitere Unterteilung nur möglich, wenn neue Unterbuchstaben verwendet werden (zum Beispiel „aa“).“

Die wichtigste Aufgabe der Prüfer wird es deshalb sein, die schon erwähnten Grauzonen und Unsicherheiten im System und in der Abstimmung des Materials untereinander so klein wie möglich zu halten. Zudem sollte man - angesichts manch überzogener Kritik - das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und den Eindruck erwecken, dass bald jede zweite Prüfung zweifelhaft ist. Die Diskussion sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass sicherlich weit über 95 % der Prüfungen ohne Probleme einer Nachprüfung stand halten. Zudem geht die Entwicklung - zumindest bei sehr seltenen und dementsprechend teuren Marken - auch zunehmend in Richtung sog. „Committee“-Bestimmungen, in deren Verlauf das jeweilige Prüfstück erst attestiert wird, wenn ein zweiter oder gar dritter Kollege dem Urteil zustimmt. Bei Infla Berlin ist dies Verfahren bereits schriftlich verankert, bei verantwortungsvollen Prüfern anderer Gebiete - dies betrifft ja nicht nur die Farbtönungsunterschiede - ebenso geübte Praxis.

Ausblick
In der „philatelie“ 349 werden neben der Darstellung des „Farbproblems“ auch verschiedene, teils provozierende, teils ironisch gemeinte Lösungsvorschläge gebracht, die sich aber wohl kaum werden durchsetzen lassen. Wer will ernsthaft alle Farbtönungsunterschiede aus dem Katalog werfen? Und ein Streit über die Abgrenzungen dieser Unterschiede, auch wenn er „nur“ in speziellen Handbüchern ausgetragen wird, ist lediglich verschoben, nicht aber gelöst. Die ausufernde Farbdifferenzierung stellt sicherlich ein weiteres Problem dar - selbst, wenn der Druck, der oft zu solchen Erweiterungen führt, häufig durch viele verschiedene Interessen aufgebaut wird: Sammler, Arbeitsgemeinschaften, Händler, Katalogherausgeber, Albenhersteller ...

Eine Diskussion über das „Farbproblem“ hat - dies ist durch den vorliegenden Artikel hoffentlich deutlich geworden - jedoch derart viele Facetten zu berücksichtigen, dass einfache und „griffige“ oder auch radikale Lösungsvorschläge kaum eine Chance haben werden. Aber eine kritische und produktive Auseinandersetzung kann über ein tieferes Bewusstsein der Probleme letztlich auch zu einer notwendigen Klärung führen. Es ist verständlich, dass an dieser Stelle den weiteren Beratungen innerhalb des BPP oder gar möglichen Ergebnissen nicht vorgegriffen werden kann. Aber eines dürfte dieser Artikel auch gezeigt haben: Der Faszination der bei vielen Ausgaben vorkommenden Farbtönungen kann man sich nur schwer entziehen, sie werden immer ein Objekt der Begierde und des Sammelinteresses sein!

Ich danke den Kollegen Dr. Michael Jasch, Hans-Ludwig Kramp, Dr. Helmut Oechsner, Claus Petry, Bodo Ströh, Rolf Tworek, Manfred Wiegand und Hartmut Winkler für die kritische Durchsicht des Manuskripts!

Der Artikel erschien in zwei Teilen in „philatelie“ 352 (Oktober 2006, S. 203 ff.) und „philatelie“ 353 (November 2006, S. 51 ff.)

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